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Projektmanagement-Interview mit Doris Helzle

Doris-Helzle_smallDoris Helzle (www.doris-helzle.de) ist Diplom-Mathematikerin, erfahrene Mediatorin, Trainerin, Beraterin und Coach. Der Weg zum Mathe-Studium war kein direkter: Nach zwei Ausbildungen und einigen Jahren in sozialen Berufen machte sie erst noch das Abitur am Abendgymnasium. Und auch nach dem Diplom hat sie ihr Spektrum kontinuierlich erweitert, beispielsweise mit Ausbildungen zur Mediatorin, zum systemischen Coach und zum Business-Coach – „nun ja, Umwege erhöhen die Ortskenntnis“, beurteilt sie selbst ihre berufliche Vielfalt.

Als Mathematikerin hat sie mit viel Sach- und Menschenkenntnis zahlreiche große Projekte erfolgreich geleitet. Inzwischen ist sie selbständig und entwickelt als Mediatorin, Trainerin und Coach individuelle Lösungen mit ihren Kunden zu beruflichen und persönlichen Fragestellungen. Vielseitigkeit und die Lust am Perspektivenwechsel charakterisieren ihren Werdegang. Anfang des Jahres hat Doris Helzle das Buch „Immer wieder einmalig. Erfolgreich in Projekten – pfiffig & kompakt“ veröffentlicht.

Projektmanagement-InterviewCan Do: Etwas provokant könnte man Sie fragen “Warum noch ein Buch über Projekte und Projektmanagement?“ Wer aber einen interessierten Blick in Ihr Buch „Immer wieder einmalig“ wirft, findet praktische Tipps und Tricks für die Projektarbeit ohne langweilige „graue Theorie“. Was hat Sie motiviert, dieses Buch zu schreiben?

Doris Helzle: Sie haben natürlich recht – Bücher zum Thema Projektmanagement gibt es tatsächlich mehr als genug. Ein wichtiger Impuls kam von meinen Seminarteilnehmern. Denen hat oft besonders gefallen, dass bei mir – neben der „grauen Theorie“ – viel Erfahrungswissen tatsächlich greifbar vermittelt wird und dass – im Gegensatz zu vielen anderen PM-Seminaren – Soft Skills in Projekten einen wichtigen Raum einnehmen. So kam der Teilnehmerwunsch nach einem Buch. Da ich gerne schreibe, hatte ich auch viel Spaß daran, das Faktenwissen humorvoll aufzubereiten und manche Absurditäten des Projektalltags mit der einen oder anderen Überzeichnung so zu beschreiben, dass echtes Lesevergnügen entsteht.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ein vergnügtes Gehirn tickt einfach am besten!

Team of corporate professionals having friendly discussionCan Do: Neben dem unterhaltsamen und kurzweiligen Schreibstil – pfiffig & kompakt – hat uns an Ihrem Buch besonders gefallen, dass Sie die Rolle des Menschen in Projekten fokussieren. „Das Spannendste und Aufregendste in Projekten sind Menschen und ihre Interaktionen“ schreiben Sie. Wie sehen Sie das Verhältnis von methodischem Wissen zu Soft Skills? Wird methodisches Projektmanagement-Fachwissen überschätzt?

Doris Helzle: Oh, das methodische Wissen hat durchaus seine Berechtigung. Insbesondere unerfahrene Projektleiter können hier einen guten Halt finden. Zur Falle kann es allerdings werden, sich zu sehr an Methodenwissen festzuhalten. Gibt es gravierende menschliche Defizite, hat es ein Team sehr leicht, den Projekterfolg trotz Einhaltung aller Regeln zu schmälern oder sogar zu verhindern.

Nach meiner Erfahrung wird in Projekten entweder (fast) gar kein methodisches Vorgehen genutzt, oder es wird übertrieben, indem die Regeln und Vorschriften immer und überall akkurat angewandt werden, ohne genau hinzuschauen, was dieses spezielle Projekt denn tatsächlich benötigt, was angemessen ist. Selten ist jedoch das Methodische das (Haupt-)Problem. Projektmanagement-Regeln, -Vorgaben und -Methoden sind verhältnismäßig leicht lernbar. Sie haben – vernünftig angewandt (was ja dummerweise die Crux ist) – auch viel mit gesundem Menschenverstand zu tun.

Ich durfte einige in Schieflage geratene Projekte vor dem Scheitern bewahren. Jedes Mal war zum Zeitpunkt meines Einsatzes die Kommunikation deutlich suboptimal und der Team-Spirit am Boden. Jeder hoffte, dass es zuerst woanders knallt. Das macht eine gemeinsame Zielerreichung wenn vielleicht nicht unmöglich, so zumindest extrem schwer.

So lautet mein Fazit: Ich bin der Überzeugung, dass man mit einem tollen Team, das gut kommuniziert und motiviert ist, auch schwierige Projektziele erreichen kann. Wenn es da mal nicht so methodisch zugeht, kann dennoch pragmatisch eine gute Lösung erarbeitet werden. Ich nenne das mal Gruppen-Resilienz. Was dabei natürlich nie fehlen darf, ist das erforderliche Fachwissen und die gute Portion gesunder Menschenverstand.

Projektmanagement-Software von Can DoCan Do: Oftmals werden die Personen zum Leiter eines Projektes ernannt, die das größte Fachwissen für das spezielle Projekt mitbringen, bspw. Chemiker für ein Chemie-Projekt. Dieses Vorgehen ist nicht immer die beste Wahl. Welche Eigenschaften sollte Ihrer Meinung nach ein Projektleiter haben und über welche Kenntnisse bzw. Erfahrungen sollte er oder sie verfügen? Was sind die besonderen Herausforderungen, die die Projektarbeit wiederum an den Menschen stellt?

Doris Helzle: Ein guter Chemiker kann durchaus auch ein guter Projektleiter sein, muss es aber natürlich nicht. Das ist ähnlich wie in der Linie: Nicht immer werden die Personen zu tollen Führungskräften, die perfekte Fachkenntnisse vorweisen können.

Was die Eigenschaften eines idealen Projektleiters angeht, so bin ich der Überzeugung, dass es viele unterschiedliche Arten gibt, ein guter Projektleiter zu sein. Nicht nur jedes Projekt ist einmalig, sondern auch jeder Projektleiter.

Von Vorteil ist sicher eine gute Selbstreflexion. So können wir unsere Stärken gezielt einsetzen und bei den eher schwierigeren Dingen kompensieren, gegensteuern und uns bei Bedarf unterstützen lassen. Neben der Selbstreflexion hilft es sicherlich, Menschen zu mögen, außerdem benötigen wir gute Kommunikationseigenschaften und stark integrative Fähigkeiten – schließlich gilt es, fachübergreifend die Menschen zu begeistern und gemeinsam die Ziele zu erreichen.

Projekte bieten eine supergute Möglichkeit, sich auch persönlich weiterzuentwickeln – wenn wir die Chancen nutzen. Und so wird aus unserem fachlich hochversierten Chemiker vielleicht ein fachlich und menschlich hochversierter Chemiker, der seine Führungsrolle exzellent auszufüllen vermag.

Projektmanager BurnoutCan Do: Projekte misslingen auch und werden abgebrochen. Die Projektbeteiligten empfinden dies häufig als persönliches Scheitern. Wie kann ich aus einem gescheiterten Projekt doch noch einen persönlichen Gewinn verbuchen?

Doris Helzle: Ups, Vorsicht! Sie kennen sicher die Situation am Wahlabend: Ein Politiker versucht, sich und der Welt das desaströse Wahlergebnis als bedingten Erfolg zu verkaufen. Wir alle vermissen eine selbstkritische Betrachtung, die um jeden Preis vermieden wird, die Lernkurve geht exponentiell ins Minus.

Es ist also durchaus sinnvoll, das Ergebnis genau unter die Lupe zu nehmen, nur so können wir aus unseren Fehlern lernen. Das soll jedoch keineswegs zur Selbstzerfleischung führen – in meinem Buch gibt es Tipps, wie aus einem Fehler nicht nur anagrammatisch ein helFer werden kann.

Noch ein Hinweis: Wird ein Projekt rechtzeitig abgebrochen, ist das Gefühl des Scheiterns nicht so sehr ausgeprägt. Oft wird jedoch der richtige Zeitpunkt verpasst, und viel Frust hat sich breitgemacht, während das tote Pferd weitergeritten wurde – einige öffentliche Großprojekte zeugen davon. Das verzweifelte Festhalten kostet unendlich Energie und bedeutet eigentlich das wirkliche Scheitern. Mit guter Auftragsklärung und – bei einem großen Vorhaben – einer angemessenen Vorstudie sollte dagegen rechtzeitig erkannt werden, ob das Projekt gelingen kann.

So kann es also durchaus ein Erfolg sein, nicht zu lange aufs falsche Pferd gesetzt und rechtzeitig den Mut für einen Schlussstrich gefasst zu haben.

teaser-projekt-linieCan Do: Frau Helzle, „brain meets emotion“ lautet Ihr Motto, das sich durchaus in Ihrem Lebenslauf widerspiegelt. Einerseits sind Sie Diplom-Mathematikerin, andererseits auch Coach und Mediatorin. Wie fügen Sie die beiden Bereiche Rationalität und Emotionalität, die manchmal im Widerspruch zueinander stehen, zusammen?

Doris Helzle: (Lacht) Tja, solange da bei mir noch so ein großer Widerspruch zwischen Ratio und Gefühl besteht, bin ich ja vielleicht einfach noch nicht auf dem richtigen Weg.

Sind Kopf und Bauch einer Meinung, erreichen wir Unglaubliches. Beispiel: Sie waren sicher schon mal im Flow und wissen, wie produktiv Sie da sein können – im Flow stimmt das Zusammenspiel perfekt.

Zieht uns der Bauch jedoch in eine andere Richtung als der Kopf, müssen wir eine Menge Energie aufbringen, um die inneren Widersprüche in Schach zu halten. Diese Energie fehlt dann woanders, im schlimmsten Fall macht uns das innere Dilemma krank.

Wir benötigen mit Sicherheit beides, Rationalität und Emotionalität, und je nach Situation sollte das eine oder das andere Element im Vordergrund stehen. Untersuchungen zeigen, dass wir Menschen dazu neigen, unsere eigene Rationalität zu überschätzen. Bei anderen sehen wir natürlich sofort, wie oft die sich irrational verhalten.

Eine meiner schönsten und spannendsten Aufgaben ist es tatsächlich, als Mediatorin oder als Coach meine Kunden dabei zu unterstützen, hier in die richtige individuelle Balance zu kommen. Mit Lösungen für Kopf und Bauch – ganz nach meinem Motto „brain meets emotion“.

Can Do: Frau Helzle, vielen lieben Dank für das interessante Interview!