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Urwaldzirkus und TV-Teamzoff – Lehrstücke für Projektmanager?

Gastbeitrag von Dr. Roland Ottmann

Diese Teams erleben was: Im Dschungel hocken verschwitzte C-Promis und unterziehen sich Ekel-Mutproben. Provinzschönheiten beziehen durchgestylte Model-Villas, bereiten sich im Team auf Unterwasser-Shootings vor und pflegen vor laufender Kamera ihren Zickenkrieg. In einem anderen TV-Kanal buhlen ledige Frauen um das Ja-Wort eines Traummanns und machen einander stutenbissig Eifersuchtsszenen.

Aus solchem Teamzoff braut das Fernsehen derzeit erfolgreiche TV-Formate mit Kick zum Fremdschämen. Vielen Casting- und Promishows gemeinsam: Von Folge zu Folge verschwindet einer aus dem Team. Die Zuschauer senken den Daumen. Eine Jury serviert ihn ab. Oder er hält den ganzen Camp- und Castingzirkus nicht mehr aus und packt seine Sachen.

Dr. Roland Ottmann © Schaufuß Film Produktion, Aarti SörensenDie Team-Soaps sind geschickt arrangiert. Damit die Stimmung brodelt und Tränen fließen, wird das Team gehörig durch die Psycho-Mangel gedreht. Allem voran das eiserne Prinzip: Es kann nur einen König, ein Top-Model und eine Braut geben. Der Druck ist enorm, Einzelkämpfer sind gefragt. Die Teammitglieder versuchen auf Kosten der anderen ihre Punkte beim Publikum einzuheimsen. Jeder im Team gegen das Team, so wollen es die Macher.

Erstaunlich, was man bei diesem TV-Trash alles lernen kann. Beispielsweise wie man Teams zusammenstellt, motiviert und zum Erfolg führt. Kein Witz! In den Camps, Model-Villas und Castingstudios werden die Regeln der Teambildung und einträchtigen Zusammenarbeit konsequent gegen den Strich gebürstet und maliziös auf den Kopf gestellt. Man muss sie nur umdrehen, quasi vom Kopf wieder auf die Füße stellen – und es genau anders machen, als es auf dem Bildschirm gezeigt wird.

Ein Beispiel: Im Fernsehstudio steht ein Sänger vor der selbsternannten Jury und lässt sich gnadenlos abwatschen. Sein Song? Ein weichlicher Schmarrn! Seine Stimme? Die eines Gymnasiasten im Stimmbruch. Sein Auftreten? Das eines Dorfdicso-Barden. Die Demütigung trifft, das Publikum feixt. Es liegt auf der Hand: Von diesem Künstler ist kein Gewinn mehr für die Sendung zu erwarten. Mit Demütigungen und Verletzung kann man niemanden motivieren. Spitzenleistungen hingegen gehen einher mit Wertschätzung der Arbeit und vor allem des Schaffenden. Die Psychologie unterscheidet negative von positiver Motivation. Die negative Motivation durch Angst, Gier, Habsucht oder Missgunst bewegt ein Team bestenfalls dazu, seine Tagesarbeit zu erledigen. Nur positive Motivation – Leidenschaft, Mut, Selbstbewusstsein und Disziplin – beflügelt es, über sich hinauswachsen.

Zum klassischen Handwerkszeug vieler Camp- und Castingregisseure gehört die Konfliktspirale. Auf diesem Instrument wissen die Fernsehmacher perfekt zu spielen. Zwei Teammitglieder missverstehen sich. Blitzschnell schaukelt sich die Irritation zum Konflikt auf, am Ende fliegen die Fetzen. Die Logik: Aus dem Missverständnis entsteht Verwirrung. Sie steigert sich zu Ärger und Schuldzuweisungen; von dort aus ist der Weg nicht mehr weit, bis ein Riss der Feindseligkeit durch das Team geht. Erfahrene Projektmanager haben einen „siebten Sinn“ für Konflikte im Team entwickelt – und anders als TV-Moderatoren schlichten sie schnell und unterbrechen die fatale Kettenreaktion. Bereits abfällige Kommentare über Teamkollegen machen ihn aufmerksam, Schuldzuweisungen sind ein weiteres Indiz für schwelende Konflikte. Denn bei Konflikten verwendet das Team seine Energie für den Kleinkrieg statt für die Arbeit.

Die „Challenge“ – das Herzstück vieler Castingshows: Das Team wird vor eine Aufgabe gestellt. Mit eiskalter Miene oder herablassender Ironie teilen die Moderatoren den Tagesbefehl aus. Und hinter jeder Aufgabe steht eine Bewährungsprobe: Es geht um „alles oder nichts“. Auch hier die Lehre für den Projektmanager: Bei komplexen Herausforderungen in Projekten funktioniert die Führung „per order di Mufti“ selten. Seit mindestens 40 Jahren hat sich eingebürgert, Ziele mit Teams und Mitarbeitern auszuhandeln und zu vereinbaren. Das Team bestimmt mit, welche Ziele auf welchem Weg erreicht werden. Denn vereinbarte Ziele macht sich das Team wirklich zu eigen, – im Gegensatz zur oberflächlichen „Challenge“.

Ein letztes Beispiel: Ein guter Projektmanager schafft seinem Team bestmögliche Arbeitsbedingungen. Er schirmt es von Störungen ab; er versucht, alles Erforderliche für die Arbeit bereitzustellen. Er geht mit Fehlern konstruktiv um und akzeptiert auch ein gelegentliches Leistungstief seiner Teammitglieder. Solch „fürsorgliches Wohlwollen“ für ein Kandidatenteam ist dem TV-Abendprogramm fremdgeworden. Die Kandidaten kauern in unwirtlicher Natur um ein Lagerfeuer, und es fehlt am Notwendigen. Eine Spur raffinierter: Das Team wird in eine ferne Glamour-Welt verfrachtet, eine Umgebung, der es kaum gewachsen ist.

Vielleicht ist es nicht ganz falsch, sein Team in freier Natur auf die Bewährungsprobe zu stellen, es im Sommerwald gemeinsam für Unterkunft und Abendessen sorgen zu lassen. Solche Outdoor-Trainings können sogar sehr hilfreich sein. Sie schweißen die Mitarbeiter zusammen. Die Mitarbeiter lernen sich kennen, sie lernen einander akzeptieren, sie erarbeiten Spielregeln für die Zusammenarbeit, sie entwickeln Teamgeist. Doch am Ende solcher Camps dürfen keine Verlierer stehen, sondern nur Gewinner.

Über Dr. Roland Ottmann
Roland Ottmann ist Gründer der Ottmann & Partner GmbH Management Consulting und gilt als ausgewiesener Experte für Projektmanagement. Er studierte Maschinenbau sowie Betriebswirtschaftslehre (MBA) und promovierte zum Dr. Phil. an der Ecole Supérieure de Commerce – Lille et Paris. Seit 1985 sammelte er praktische Erfahrung im Projektmanagement als Projekt- und Programmleiter, Berater, Trainer (u.a. für das 4 Level Qualifizierungskonzept der IPMA International Project Management Association) und Coach für Projekt- und Programmmanager. 1996 initiierte er den Deutschen Projektmanagement Award und 1998 den International Project Management Award. Er ist Autor zahlreicher Fachbücher rund um das Thema Projektmanagement.